Benjamin Joseph, Mitbegründer und Geschäftsführer von Learnlight

Im Rahmen unserer Learnlight Experten-Interviews sprachen wir mit unserem Mitbegründer und Geschäftsführer Benjamin Joseph über Arbeitsplatz- und Technologie-Trends im Nachfeld von Covid-19 und was wir in der EdTech-Branche im Anschluss an die Krisenzeit erwarten können.

Learnlight: Im Augenblick werden Unternehmen zur Heimarbeit gezwungen. Die allgemeine Einschätzung ist jedoch, das Firmen, die sich jetzt und im Anschluss an Covid-19 nicht auf Remote Work anpassen, in der Zukunft Probleme haben werden Arbeitskräfte anzulocken und zu halten. Glauben Sie, es wird einen generellen Trend in Richtung Telearbeit geben, jetzt wo die Angestellten daran gewöhnt sind? Erwarten Sie, dass Arbeitskräfte weniger willens sein werden Bürojobs anzunehmen?

Ben Joseph: Dies sind interessante Fragen, denn Learnlight befindet sich schon seit vielen Jahren auf dem Pfad von Remote Work und virtuellem Arbeiten. Wir waren schon vor der aktuellen Epidemie ein sehr auf Telearbeit konzentriertes Unternehmen. Ich glaube, wir werden eine generelle Hinwendung zur Heimarbeit sehen, aber ich persönlich erwarte ein etwas anderes Modell. Derzeit gibt es viele Unternehmen, in denen man die meisten Tage der Woche ins Büro geht und ein oder zwei Tage von daheim arbeiten darf. Ich denke, von jetzt an werden wir das umgekehrt erleben.

Wir können ein Modell erwarten, bei dem Angestellte die meisten Wochentage von zuhause arbeiten und gelegentlich ins Büro gehen. Ich glaube, es ist noch immer von Nutzen, dass Leute gelegentlich mit ihren Teams zusammenkommen, für ein wichtiges Meeting oder zum Brainstorming. Es wird sich wohl ein Modell entwickeln, wo es die Regel ist, dass Leute in Telearbeit beschäftigt sind und dann gelegentliche Meetings mit ihrem Chef oder ihren Teams abhalten, um auf bestimmte Themen näher einzugehen. Das kann auch Auswirkungen darauf haben, wie Arbeitsumfelder konfiguriert sind – kleinere Büros mit Hotdesks im Gegensatz zu großen Büroräumen, wo jeder seinen festen Platz hat.

Learnlight: Bei Learnlight ist dies ja bereits seit langem der Fall. Welche Vorteile hatte es jetzt, dass die Heimarbeit bereits implementiert war und das Personal bereits daran gewöhnt ist?

Ben Joseph: Ich glaube, das hat einen großen Unterschied gemacht, da uns dies erlaubte uns mehr oder weniger komplett auf die Bedürfnisse und Herausforderungen unserer Kunden zu konzentrieren anstatt darauf, wie wir intern unsere Arbeitsweise umstrukturieren. Das ist deshalb so großartig, weil wir im Grunde einen Schritt voraus waren und unsere Energie in unsere Kunden stecken konnten. Ich glaube, das Wissen und die Erfahrung, die wir auf diese Weise über die letzten Jahre hinweg gewinnen konnten, brachte uns in eine gute Position, um anderen zu helfen, die jetzt durch diesen Prozess gingen. [Unsere Teams] konnten Ihnen Training und Unterstützung liefern, die auf echter Erfahrung basieren, damit sie sich schnell und effizient umzustellen können.

Ich glaube, das Wissen und die Erfahrung, die wir auf diese Weise über die letzten Jahre hinweg gewinnen konnten, brachte uns in eine gute Position, um anderen zu helfen, die jetzt durch diesen Prozess gingen.

Ein weiterer Kernpunkt im Hinblick auf Heimarbeit im Allgemeinen ist für uns, dass wir in der Lage sind die besten Talente für uns zu gewinnen und zu erhalten, und wenn man die Möglichkeit besitzt auf der ganzen Welt nach Talenten zu suchen anstatt in einer limitierten geographischen Region, ist der Talentpool viel größer wie auch die Chance wirklich fantastische Fachkräfte für eine Position zu finden. Wir haben bisher davon profitiert und werden es auch in Zukunft tun.

Ein weiterer interessanter Punkt von Remote Work ist, dass sie in der Regel zu größerer Diversität führt sowie stärker diversifizierten Teams im Hinblick auf ihre Verantwortungen und Rollen, was bedeutet, dass man Arbeitsvolumen ausbalancieren kann. Hast du auf einmal weniger Arbeit in Frankreich und mehr Arbeit in Deutschland, bedeutet das nicht, dass du Leute in einer Region entlassen und in einer anderen Region einstellen musst. Stattdessen lässt sich das Arbeitsvolumen zwischen den existierenden Fachkräften in der Organisation verteilen, unabhängig von deren geografischer Lage, was absolut nützlich ist, besonders in Situationen wie der, in der wir uns derzeit befinden.

Learnlight: In den vergangenen Monaten bemerkten wir einen größeren Bedarf an Softskills und Führungskompetenzen wie beispielsweise Change Management, Einfühlungsvermögen und Krisenmanagement. Wie glauben Sie ändern Unternehmen während dieser schwierigen Zeiten wie auch anschließend Ihren Trainingsfokus? Sehen Sie hier neue Entwicklungen?

Ben Joseph: Ich denke es ist offensichtlich, dass es größere Nachfrage an Kursen geben wird, die darauf abzielen Arbeitskräfte bei der Umstellung auf Remote Work und virtuelles Arbeiten zu unterstützen, und es gibt hier eine Bandbreite an Kompetenzen, die gelernt werden muss, um in dieser Umgebung effektiv zu arbeiten. Ich glaube also, dass wir definitiv [einen größeren Bedarf an Softskills] sehen werden.

Darüber hinaus werden wir nicht nur eine Veränderung in der Art von Training sehen, das gebraucht wird, sondern auch wie es übermittelt wird. Offensichtlich gibt es im Bezug auf online und virtuellem Lernen ein „vor“ und „nach“ der Epidemie, und es wird ein stärkere Bedarf an umgekehrten Unterrichtsmethoden und virtuell basierten Lösungen entstehen, die es erlauben Training personalisierter zu gestalten und es Organisationen ermöglichen diese Art von Training mehr virtuellen Arbeitskräften zur Verfügung zu stellen, von dem diese profitieren können, wann und wo es ihnen passt. Neben einer Veränderung der Bedürfnisse hinsichtlich der Art von Training werden wir auch eine Neuentwicklung in der Übermittlungsweise beobachten.

Offensichtlich gibt es im Bezug auf online und virtuellem Lernen ein „vor“ und „nach“ der Epidemie, und es wird ein stärkere Bedarf an umgekehrten Unterrichtsmethoden und virtuell basierten Lösungen entstehen […]

Und zu guter Letzt passiert noch etwas anderes bei Heimarbeit – zwangsläufig interagiert man nun mit Teams auf der ganzen Welt, die sehr unterschiedliche Kulturen besitzen und möglicherweise andere Sprachen sprechen. Dies ist nur ein weiterer Schritt in Richtung Globalisierung und dem Auflösen von geographischen Grenzen in der beruflichen Welt. Diese Zunahme von Telearbeit wird zu einem stärkeren Bedarf an interkulturellem Training und Sprachtraining führen, um gewährleisten zu können, dass diese wahrhaft internationalen Teams einheitlich und effektiv miteinander arbeiten können.

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Learnlight: Viele Branchen haben natürlich mit dieser Epidemie zu kämpfen. Welche Branchen glauben Sie werden aus dieser Krise jedoch stärker hervorgehen? Welche werden langfristig daraus entstehen?

Ben Joseph: Es wurde eine Menge darüber geschrieben, und ich will mir nicht anmaßen ein genialer ökonomischer Visionär zu sein. Aber ich glaube, es gibt einige offensichtliche: Die Pharmaindustrie hat wohl keine negativen Auswirkungen zu erwarten. Sie wird mittelfristig vielleicht sogar davon profitieren. Ich denke, alle Industrien, die Internet und Internet-Services zur Verfügung stellen, werden ebenfalls profitieren. Es herrscht außerdem die Meinung, dass die EdTech Industrie exponentiell anwachsen wird, da Lernen auf Distanz weitaus stärker akzeptiert sein wird, nachdem viele Menschen gezwungen wurden es auszuprobieren und feststellen konnten, dass es tatsächlich ziemlich gut ist. Es wird wohl ein weitaus größerer Bedarf an EdTech bestehen. Diese drei Bereiche – Internet, Pharma und EdTech – sind die klaren Bereiche, die ich am stärksten daraus hervorkommen sehe.

Ich denke jedoch, dass wir generell die Unternehmen überleben sehen werden, die zur Transformation in der Lage sind. Unternehmen mit Fähigkeit zum Wandel und sich neuen Umständen anpassen zu können, werden diese Krise bewältigen, und ich glaube, sie könnten aus jedem Sektor kommen. Es könnten auf einmal Restaurants sein, die ihren Online-Lieferservice potenzierten, oder jegliche anderen Unternehmen, die sich anpassen und den wandelnden Umständen, denen wir alle ausgesetzt sind, begegnen konnten.

Learnlight: Gibt es besonders coole technologische Innovationen und wichtige Trends, die Sie in der EdTech Industrie für den Rest von 2020 erwarten? Wir sprachen bereits über interkulturelles Training; gibt es anderes Spezielles, was wir insbesondere in EdTech sehen werden?

Ben Joseph: Ich denke, es gibt eine Reihe von Dingen, die wir in der EdTech-Branche sehen werden, und einige davon sind technologisch und einige sind strategisch. Ich glaube, wir werden etwas sehr Interessantes sehen, dass mehr Mainstream-Technologien ihr Angebot so verändern, dass sie eine Lernumgebung zulassen; vielleicht Technologien wie Microsoft Teams, die bisher mehr auf Meetings konzentriert waren. Ich denke, es zeichnet sich ab, dass sie sich in diese Richtung entwickeln werden, und wir werden sehen das Technologien, die eher allgemein waren und sich nicht auf Lernen konzentrierten, bald Funktionen beinhalten werden, die sie zu starken Wettbewerbern derer machen, die zunächst ausschließlich für eine Schulungsumgebung geschaffen wurden. Das ist definitiv etwas, was ich erwarte.

Wir werden zudem stärker immersives Lernen sowie VR- und Simulations-basiertes Lernen sehen, denn wenn mehr und mehr Menschen Online gehen, werden mehr Daten zur Verfügung gestellt. Wir sind uns alle dem Wert von Daten bewusst, und ich denke, es wird demnach eine verstärkt datengetriebene Lernerfahrung geben. Das sind Dinge, die ich absolut erwarte. Wenn Lernen Online geht, bedeutet das zudem ganz zwangsläufig, dass mehr Kapital zur Verfügung steht, um in die Lösungen zu investieren, die verwendet werden, die dieses Lernen zu vermitteln. Ich denke, wir werden eine Beschleunigung von Investition in EdTech erleben, vielleicht nicht sofort, aber innerhalb des nächsten Jahres oder so, wenn sich dies positiv auswirkt – es wird mehr ausgegeben werden, was zu mehr Geld führt, das dafür investiert werden kann, was wiederum eine Beschleunigung in der Entwicklung neuer Technologien mit sich bringt.

Wir werden zudem stärker immersives Lernen sowie VR- und Simulations-basiertes Lernen sehen, denn wenn mehr und mehr Menschen Online gehen, werden mehr Daten zur Verfügung gestellt.

Learnlight: Was war Ihrer Ansicht nach Ihre größte Lektion während dieser Epidemie? Wir wirkte sie sich auf Ihre eigene Führungsposition und Führungskompetenz aus? Konnten Sie Veränderungen bei sich feststellen?

Ben Jospeh: Ich weiß nicht, ob ich es eine Lektion nennen würde, aber eine meiner Selbsterkenntnisse war die große Bedeutung von Selbstdisziplin, und letztendlich hängt Erfolg und Scheitern im Beruf in diesen Situationen wirklich ganz von einem selbst ab. Wenn du zuhause bist und dich zu einer neuen Routine zwingen musst, die hoffentlich konstruktiv ist, ist es wichtig in den signifikanten Momenten, in denen du entscheidest, ob du dich auf die Couch setzt und Netflix schaust oder das das Buch aus dem Regal nimmst, dass du schon seit drei Jahren lesen wolltest – dass du genau in diesen Momenten die richtige Entscheidung triffst. Eine, die dir dabei hilft dich als Person zu verbessern, dich weiterzuentwickeln und die dich langfristig zufriedener macht. Während dieser Ausgangssperre habe ich mich deshalb auf das konzentriert, was ich „die Relevanz dieser 30 Sekunden“ nenne – genau die 30 Sekunden, in denen du sagst: ja, ich mache ein bisschen Yoga oder ja, ich treibe Sport, oder nein, ich werde nicht zum Kühlschrank gehen und mir noch einen Snack holen, und einfach sicherzugehen, dass du angesichts dieser Entscheidungen in diesen kritischen 30 Sekunden die richtige Wahl triffst. Für mich persönlich ist Selbstdisziplin etwas, woran ich gearbeitet habe, da ich glaube, dass sie in der aktuellen Situation besonders wichtig ist.

Im Hinblick auf Führungskompetenz halte ich Einfühlungsvermögen, und klare, transparente wie auch ehrliche Kommunikation für fundamental. Ich denke die richtige Balance besteht darin hinsichtlich der Schwierigkeiten und Herausforderungen ehrlich zu sein, während man gleichzeitig optimistisch und positiv bleibt und eine „geht nicht gibt’s nicht“ Haltung im Bezug auf die Erreichbarkeit [von Zielen] besitzt. Und natürlich Zeit anzuberaumen, um persönlich mit den Leuten in Verbindung zu treten, die eine schwere Zeit haben, sie zu bestärken und initiativ mit ihnen zu kommunizieren, wie sich ihre berufliche Zukunft wahrscheinlich entwickeln wird. Ich denke, das ist ein grundlegender Aspekt dessen, wie wir mit der derzeitigen Situation umgehen sollten.

Ich denke wir bemerken alle mehr Geistesgegenwart in allem, was wir tun – sei es in unserer Disziplin oder in unserer Kommunikation. Geistesgegenwärtig beim Schaffen neuer Gewohnheiten zu sein wie auch beim Bobachten unserer unterschiedlichen Emotionen ist wichtig, um andere anleiten zu können, die das vielleicht gerade am meisten brauchen. 

Ben Joseph: Genau – ich meine, du kannst keine gute Führungskraft sein, wenn du dich nicht selbst führen kannst.

Learnlight: Gibt es etwas, worauf Sie sich in naher Zukunft am meisten freuen, wenn das alles vorbei ist, oder etwas, was Sie besonders vermisst haben? Wie haben sich Ihre Prioritäten verändert?

Ben Joseph: Natürlich das Offensichtlichste, meine Familie und Bekannten zu sehen, die ich in letzter Zeit nur virtuell treffen konnte. Ich freue mich sehr darauf sie zu sehen – die Liste ist zu lang, um alle zu nennen, aber meinen Vater, Schwestern, Freunde, von denen ich getrennt war.

Enorm bedeutsam ist für mich auch das Meer. Ich bin ein Segler, und das nächste Mal, wenn ich das Salzwasser an meinen Knöcheln spüren und ich mich in die Wellen stürzen kann – das wird ein sehr erfrischender Moment werden.

Entwicklung von Softskills

Entwicklung von kritischen Kompetenzen für den Erfolg am modernen Arbeitsplatz