Wir haben ein Problem. Ein großes Problem. Ein Thema, das rund die Hälfte der Weltbevölkerung ganz direkt betrifft und indirekt Auswirkungen auf jeden Einzelnen von uns hat. Kurz gesagt ist das Problem folgendes: Wir als Angehörige einer globalen Wirtschaftskultur sind nicht in der Lage, eine unserer größten Ressourcen bestmöglich zu nutzen: die Frauen. Noch gravierender ist jedoch, dass dieser Umstand weltweit in den meisten Führungsetagen verleugnet wird.

Es ist wichtig, die Perspektive dieses Artikels zu verstehen. Obwohl ethische Aspekte beim Thema Diversität zweifelsohne wichtig sind, werden sie in diesem Artikel ausgeklammert. Hier werden vielmehr die Auswirkungen von mangelnder Chancengleichheit auf Unternehmen und ihre Gewinne betrachtet; zum anderen sollen Herausforderungen und Hindernisse beleuchtet werden, die Unternehmen auf dem Weg in Richtung Gleichstellung bewältigen müssen.

Warum man aus wirtschaftlichen Gründen in Frauen investieren sollte

Stellen wir die wichtigste Frage zuerst: Warum sollten Unternehmen in weibliche Nachwuchstalente investieren?

Vor allen Dingen, weil Diversität sich positiv auf den Nettoprofit auswirkt. Ja, wirklich. Tatsächlich belegen zahlreiche Studien, dass Unternehmen mit Frauen in der Führungsriege erfolgreicher sind als vorwiegend männlich dominierte Unternehmen.

Ban Ki-moon, der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, verweist in seinem Artikel Equality Means Business von 2014 auf eine Studie, die zeigt, dass Fortune 500 Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil im Management „eine 34 % höhere Rendite für die Aktionäre erwirtschaften als die Unternehmen mit dem niedrigsten Frauenanteil.“

Dass Fortune 500 Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil im Management „eine 34 % höhere Rendite für die Aktionäre erwirtschaften als die Unternehmen mit dem niedrigsten Frauenanteil.“

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine McKinsey Analyse: Im direkten statistischen Vergleich erwirtschaften Unternehmen mit hohem Frauenanteil mit 15 %-er Wahrscheinlichkeit überdurchschnittliche Rendite. Ein besonders interessantes Ergebnis derselben Studie ist, dass sich in Großbritannien mit jeder Steigerung des Frauenanteils in Führungspositionen um 10 % der EBITA um 3,5 % erhöhte.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Grant Thornton betont in ihrer Forschung zum Wert von Diversität in Unternehmen, dass britischen, amerikanischen und indischen Unternehmen mit ausschließlich männlichen Vorständen „mögliche Profite in Höhe von 655 Mrd. $ entgehen“. Ging es nicht um Gewinne?

Wenn die Forschung also belegt, dass ein höherer Frauenanteil im Unternehmen den Profit erhöht, ist die Frage nach den Gründen dafür sehr naheliegend. Warum sind Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil rentabler? Hier drei mögliche Gründe:

1. Zwei Köpfe sind besser als einer

2. Frauen haben höhere Bildungsabschlüsse

3. Diverse Unternehmen ziehen bessere Arbeitskräfte an

 
Zwei Köpfe sind besser als einer

Globale Unternehmen stehen vor globalen Problemen. Ein Unternehmen mit vielfältigen Sichtweisen hat bessere Chancen, die richtigen Schlüsse zu ziehen und fundierte Entscheidungen zu treffen, um diese Probleme zu lösen. Und genau diese Mannigfaltigkeit der Perspektiven befähigt Unternehmen, ihre Probleme auf umfassendere Weise anzugehen und bessere Entscheidungen zu treffen.

Der Geschäftsführer von Grant Thornton UK LLP, Sacha Romanovitch, berichtet über seine Forschung: „Wir wissen, dass Unternehmen mit einer vielfältigen Belegschaft bessere Ergebnisse erzielen als ihre eher homogenen Konkurrenten. Zudem sind sie besser aufgestellt, um sich in einer vom raschen Wandel geprägten globalen Geschäftswelt zurechtzufinden. Im Kontext steigender Unsicherheit und Komplexität müssen Unternehmen verstehen, dass eine zu hohe Homogenität schädlich ist und dass eine Bandbreite von Perspektiven nötig ist, um wachsen und den heutigen Herausforderungen begegnen zu können.“

Ganz generell verbessert jede Art der menschlichen Vielfalt die Entscheidungsfindung. Jedoch spielt der Unterschied zwischen den Geschlechtern eine besondere Rolle, da sie die Hälfte der Menschheit betrifft. Frauen in die oberste Führungsriege zu holen, bedeutet einen klaren und einfachen Vorteil für die meisten Unternehmen.

Frauen haben höhere Bildungsabschlüsse

PwC leistet bei der Diversitätsforschung einen herausragenden Beitrag. Das gilt besonders im Hinblick auf weibliche Nachwuchskräfte unter den Millennials. In ihrer Studie von 2015 heben die Autoren hervor, dass gerade eine noch nie da gewesene Zahl von Frauen auf den Arbeitsmarkt strömt. Sie betonen dabei besonders, dass diese weiblichen Millennials bessere formelle Qualifikationen aufweisen als die Männer derselben Generation.

Frauen bilden heute in 93 Ländern die Mehrheit der Studentenschaft, männliche Studenten dominieren hingegen nur noch in 46 Ländern. Seit 1970 ist die Zahl der Studentinnen fast doppelt so schnell gestiegen wie die der Studenten. Weibliche Millennials „erwerben mehr Bachelorabschlüsse und haben mit 56 % auch bei den Masterabschlüssen im Vergleich zu 44 % bei den Männern die Nase vorn. Die Frauen dieser Generation sind wichtig, weil sie eine höhere Bildung mitbringen und zahlreicher auf den Arbeitsmarkt strömen als jede Frauengeneration vor ihnen.“

Weibliche Millennials „erwerben mehr Bachelorabschlüsse und haben mit 56 % auch bei den Masterabschlüssen im Vergleich zu 44 % bei den Männern die Nase vorn.

Auch wenn sich diese Studie speziell auf Millennials bezieht, die zwischen 1980 und 1995 geboren wurden, hat sicherlich jedes Unternehmen ein Interesse daran, die am besten gebildeten Talente anzuziehen. Was die Berufsausbildung angeht, haben die Frauen den Männern den Rang abgelaufen. Diese veränderte Ausgangssituation beim Eintritt in den Arbeitsmarkt sollte nun auch eine Veränderung im Recruitment nach sich ziehen.

Diverse Unternehmen ziehen bessere Arbeitskräfte an

Das Angesicht der Belegschaften verändert sich und obwohl Unternehmen große Schritte unternehmen, um den Bedürfnissen der modernen Arbeitnehmer gerecht zu werden, gibt es noch viel zu tun. Die Gründe dafür, sich einem Unternehmen anzuschließen, bei ihm zu bleiben oder es wieder zu verlassen, haben sich mit der neuen Mitarbeitergeneration verändert, und die Unternehmen müssen sich dieses Wandels bewusst werden. Um die besten Talente anzuziehen, muss man sie verstehen.

Da unser Fokus auf den Frauen liegt, geben wir nun einen Überblick über die Aspekte, die für Frauen am wichtigsten sind. Dies soll als Ermutigung dienen, den Frauenanteil spürbar zu erhöhen.

Attraktives Gehalt: In der oben erwähnten Studie von PwC geben 43 % der Frauen an, dass sie ihren aktuellen Job kündigen würden, wenn ihnen eine besser bezahlte Stelle angeboten werden würde. Das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen ist zwar schwer zu messen, aber dennoch reichlich bekannt. In der gesamten EU lag der Bruttoverdienst von Frauen im Jahr 2015 durchschnittlich 16,3 % unter dem der Männer. In Amerika verdienten Frauen sogar 20 % weniger.

Da Frauen im Allgemeinen beträchtlich weniger verdienen als Männer, ist die Annahme naheliegend, dass Frauen eher den Arbeitgeber wechseln, um unsichtbare Karrierebarrieren zu durchbrechen und ihr Einkommen zu verbessern, und das in einem Umfeld, das implizite oder explizite Vorurteile gegen sie hegt.

Es ist ein wichtiger erster Schritt, die Gehaltsunterschiede im Unternehmen zu prüfen und auszugleichen, um so die besten Talente anzuziehen – Frauen und Männer.

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Work-Life-Balance und Flexibilität: Die Studie von PwC verdeutlicht, dass Millennials eine gute Work-Life-Balance und Flexibilität hochschätzen, und zwar unabhängig vom Geschlecht. 97 % aller Millennials gaben an, dass sie diese beiden Aspekte wichtig finden. Dieselbe Studie widerlegt auch den Mythos, dass die Familiengründung für Frauen der Hauptgrund sei, ihren aktuellen Arbeitgeber zu verlassen. Interessanterweise gaben lediglich 19 % der weiblichen Millennials die Familiengründung als möglichen Kündigungsgrund an, bei den Männern dieser Generation sind es immerhin 18 %. Als zweitwichtigsten Grund, ihren Arbeitgeber zu verlassen, nennen Frauen Work-Life-Balance und Flexibilität. Die Familiengründung steht hingegen für beide Geschlechter gerade mal an sechster Stelle.

Berufliche Entwicklungsmöglichkeiten: Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung von PwC besagt, dass 32 % der Frauen ihren Arbeitgeber wegen fehlender Aufstiegschancen verlassen würden. In der Studie werden die Frauen je nach Berufserfahrung einer von drei Stufen zugeordnet: Karriereeinstieg, Karriereentwicklung und Karriereentfaltung. Karriereeinsteigerinnen und -entwicklerinnen erwarten von Arbeitgebern vor allem Chancen für ihre berufliche Entwicklung. Ein Mangel an solchen Möglichkeiten ist dagegen auf allen drei Stufen der wahrscheinlichste Kündigungsgrund. Für bemerkenswerte 53 % der Frauen unter den Millennials sind die Karrierechancen die attraktivste Eigenschaft eines Unternehmens.

LeanIn.org and McKinsey haben in ihrer Forschung gezeigt, dass für Frauen die Entwicklungschancen zwar am wichtigsten sind, sie aber dennoch 15 % weniger wahrscheinlich innerhalb eines Unternehmens befördert werden als ihre männlichen Kollegen. Das Paradoxon wird zusätzlich von der Tatsache unterstrichen, dass Frauen in Führungspositionen sehr viel wahrscheinlicher beim Unternehmen bleiben als Männer. Bei Abteilungsleitern ist eine Kündigung von einer Frau um 20 % unwahrscheinlicher als von einem Mann. In der Führungsetage kündigen Frauen sogar mit einer 50 % geringeren Wahrscheinlichkeit als ihre männlichen Kollegen.

Ein weiterer verbreiteter Mythos ist, dass Frauen mit Kindern keine höheren Positionen anstreben. Die genannte Studie legt jedoch nahe, dass Mütter tatsächlich 15 % wahrscheinlicher leitende Führungspositionen besetzen wollen als kinderlose Frauen.

Diese Ergebnisse sollten für Unternehmen Grund genug sein, ihre Beförderungsrichtlinien zu überdenken, um den weiblichen Nachwuchs im Unternehmen zu halten. Das gilt besonders für leitende Angestellte.

Männer und Frauen schätzen Vielfalt: Das Forschungs- und Beratungsunternehmen Great Place to Work konnte zeigen, dass Arbeitnehmer die Ansichten aus ihrem Arbeitsumfeld, von ihren Kollegen und ihren Vorgesetzten verinnerlichen. Wer sich mit seinem Unternehmen identifiziert, hat das Gefühl, eigene Ideen einbringen zu können. Das wiederum erhöht die Einsatzbereitschaft und das Engagement für das Unternehmen, hilft dabei, erfolgreiche Teams zu gründen, und ermöglicht somit Wachstum und Fortschritt.

Eine Studie von Catalyst.org untersuchte, wie Frauen und Männer Vielfalt im Unternehmen bewerten. Die Ergebnisse zeigen keinerlei signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Frauen und Männer schätzen Arbeitgeber, die Diversität fördern.

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Aussichten für den weiblichen Nachwuchs

Für Unternehmen geht es nicht unbedingt darum, weibliche Talente anzuziehen, sondern darum, generell guten Nachwuchs zu finden. Hierfür ist es hilfreich, den Frauenanteil in allen Bereichen des Unternehmens zu erhöhen, besonders aber auf der Führungsebene.

Die Rentabilität und auf lange Sicht auch die Überlebensfähigkeit von Unternehmen hängen von ihrem Engagement für Vielfalt und Integration ab. Sich für die Beseitigung des Lohngefälles einzusetzen, Flexibilität und Work-Life-Balance zu fördern und bei internen Beförderungen auf Gleichberechtigung zu achten, sind einige der Maßnahmen, die Unternehmen ergreifen sollten, um sicherzustellen, dass sie heute und in Zukunft auf einem globalen Markt bestehen können.